Kenia – Eindrücke und Erkenntnisse über ein faszinierendes Land

dieUmweltDruckerei unterstützt gemeinsam mit unserer Kooperationspartnerin, der Aktionsgemeinschaft Artenschutz, den Artenschutz in Kenia. Bisher supporten wir „nur“ finanziell, doch nun wollen wir auch tatkräftig vor Ort mithelfen. Wir spenden und pflanzen 1.200 Mangroven-Setzlinge an der kenianischen Küste, um den Erhalt des natürlichen Lebensraumes der Tierwelt zu erhalten. Zudem leisten wir Aufklärungsarbeit, indem dieUmweltDruckerei 2.000 nachhaltig gedruckte Malbücher an die Kinder in der Küstenregion verschenkt, in denen auf spielerische Art über die Schutzbedürftigkeit von Meeresschildkröten erzählt wird. Dr. Kevin Riemer-Schadendorf reist stellvertretend für dieUmweltDruckerei nach Kenia und berichtet über seine Erfahrungen und Eindrücke.

Massai-Krieger in Kenia

Nairobi – Erste Impressionen einer ostafrikanischen Millionenmetropole

Nach über fünfzehnstündiger Anreise lande ich auf dem Jomo Kenyatta International Airport. Die unvermeidbaren Flüge und die damit einhergehenden CO2-Emissionen hat dieUmweltDruckerei selbstverständlich im Vorwege nicht nur über die Fluggesellschaft, sondern zusätzlich über myclimate kompensiert (zum Klimazertifikat).

Bevor ich den Flughafen verlassen darf, gilt es die Formalien zu erfüllen. Eine Ärztin des Gesundheitsministeriums prüft rasch meine Gelbfieber-Impfung und verteilt für Außenstehende scheinbar wahllos „Epidemiologische Überwachungsausdrucke für Ebola-Viruserkrankungen“.
Es ist schwül. Die Luft steht. Müde stehe ich in einer ewig langen Schlange vor der Passkontrolle, in der ich jede Menge Daten in ein Formular eintragen darf, die ich eigentlich bereits bei der Visa-Ausstellung angegeben hatte. Eine schwangere Frau bricht hitzebedingt neben mir zusammen. Schnell richte ich sie wieder auf und überlasse ihr mein Trinkwasser bevor ein zuständiger Sanitäter anrückt.
Vor dem Flughafen erwartet mich winkend mein Fahrer John, der mich gleich über das derzeitige Chaos am Flughafen aufklärt. Aufgrund der Übernahmegerüchte des Flughafens durch einen Investor und damit einhergehende Jobverluste streikt das Personal. Die Warteschlage der Fluggäste vor dem Flughafengebäude ist kaum zu überblicken. Er berichtet, dass die Polizei gegen die Proteste mit Tränengas vorgeht – es wurden sogar Passagiere und Mitarbeiter*innen verletzt.

Endlich im Auto sitzend werden wir nach wenigen hundert Metern von der Militärpolizei angehalten, die uns am Weiterfahren hindert. Warum erschließt sich für uns nicht. Wild gestikulierend redet John auf den behelmten Polizisten ein, der jedoch deutlich mit seiner Kalaschnikow abwinkend signalisiert, dass wir zu warten hätten. Auf was wir warten, wird uns einige Minuten später klar: Der kenianische Verkehrsminister oder gar der Präsident Uhuru Kenyatta selbst reist mit einem Konvoi aus schätzungsweise 20-30 dunklen SUVs an, der wiederum von der Militärpolizei mit Blaulicht und unter Sirenengeheul protegiert wird. Die Folge: Ein ewig langer Stau. Einige Autos brechen auf die staubig löchrige Steppe aus, um Vorwärts zu kommen; scheitern jedoch am unwegsamen Untergrund und reihen sich hupend wieder in die blecherne Kolonne aus Autos und LKWs.

Erst gegen Mitternacht erreiche ich erschöpft das Eco Camp vor den Toren der Hauptstadt, wo ich trotz später Stunde herzlich willkommen werde. Nach der obligatorischen Malaria-Tablette schließe ich das Moskitonetz meines Zeltes und freue mich, endlich schlafen zu können.

„Hakuna Matata“ – Die etwas andere Stadtrundfahrt

Nairobi begrüsst mich mit strahlendem Sonnenschein. „Das ist auch kein Wunder!“, erklärt mir John, „Es ist schließlich Trockenzeit. Das letzten Mal hat es glaube ich im September letzten Jahres geregnet!“

Der Blick auf die malerische Skyline von Nairobi.

Der Blick auf die vertrockneten Böden und die malerische Skyline von Nairobi.

Bedingt durch den wenig ausgebauten und für Ausländer*innen kaum durchschaubaren öffentlichen Nahverkehr schlängeln auch wir uns hupend durch den dichten und teils chaotischen Verkehr der Landeshauptstadt, um zum Nairobi National Museum zu gelangen.

Nairobi National Museum

Ein Besuch des Museums gilt nicht nur bei Tourist*innen, sondern auch bei Schüler*innen und Student*innen zum absoluten Pflichtprogramm.

Das Museum liefert mannigfaltige Informationen über die landestypische Flora und Fauna.

Das Museum liefert mannigfaltige Informationen über die landestypische Flora und Fauna.

Schnell wird mir durch gläsern aufgebahrte Skelette und Schädel in Erinnerung gerufen, dass ich mich in Kenia in der Wiege der Menschheit befinde. Alle Hominidenfunde, die älter als zwei Millionen Jahre alt sind, stammen ausschließlich aus Afrika – genauer gesagt wurden unsere Vorfahren am Turkana-See im Norden von Kenia an der Grenze zu Äthiopien entdeckt. Nachdem ich mich ausführlich über die britische Kolonialgeschichte Kenias und den damit einhergehenden Freiheitskampf informiere, verlasse ich das Museum, um den Ausblick auf die Stadt genießen zu können.

Der Parkplatz zum Hochhaus des Kenyatta International Conference Centre (KICC) bleibt uns allerdings zunächst versperrt. Ein schätzungsweise kaum 18-jähriger Soldat mit grünem Barrett versperrt uns bewaffnet den Eingang und verdeutlicht, dass es nur VIPs vorbehalten sei, vor dem Gebäude zu parken. Nach kurzer Diskussion holt er einen ranghöheren Soldaten, der John mitteilt, dass wir gegebenenfalls doch parken dürften, wenn es ihm gestattet sei, einen Blick ins Innere des Autos zu werfen. John begreift das Schmiergeldangebot sofort, öffnet ihm die hintere Wagentür und lässt einen 500 Schilling-Schein (ca. 5 EUR) auf den Rücksitz fallen. Der Soldat schaut flüchtig ins Wageninnere, greift sich den Schein und lässt uns passieren mit einem reserviertem „Hakuna Matata!“ (Kisuaheli für „Alles ok“ oder „Keine Probleme“).
Kenia liegt beim weltweiten Korruptionsindex auf Rang 145 von 179 Ländern – nun habe ich hautnah miterlebt, warum das so ist. Bakschisch gilt hierzulande als gängiges und immer gern gesehenes Schmiermittel der Wirtschaft und Behörden.

Ausblick vom Turm des Kenyatta International Conference Centre.

Der atemberaubende Ausblick über die 3,5 Millionenmetropole vom 28-stöckigen KICC-Tower.

Besuch in Kibera – dem größten Slum Ostafrikas

Wieder stehen wir im Stau. „Nairobi is a very busy city!“, ruft mir John immer wieder ins Gedächtnis. Stets gepaart mit einer beschwichtigenden Handbewegung und dem Kisuaheli-Ausspruch „Pole Pole“, was in etwa mit „Immer mit der Ruhe“ übersetzt werden könnte und ganz der kenianischen Lebensphilosophie entspricht.

In Nairobi leben schätzungsweise 2,5 Millionen Einwohner*innen in etwa 200 Slums – mehr als die Hälfte der Stadtbevölkerung! Unser Ziel ist Kibera – ein von kriminellen Banden kontrolliertes Elendsviertel im Südwesten der Stadt. „Wer Kibera nicht gesehen hat, kann Nairobi nicht verstehen!“, verdeutlicht John. Bei der Gründung 1920 soll die Einwohnerzahl bei über einer Million gelegen haben, was Kibera zum größten Slum Afrikas machte. Heute liegen die Schätzungen bei einer Viertelmillion Menschen, doch wer weiß das schon so genau bei einem nicht überschaubaren Meer aus teils über Nacht errichteten Wellblechhütten. Eigentlich trifft es das Wort ‚Meer‘ nicht genau – passender wäre wohl von einem ‚Wald‘ zu sprechen, denn Kibera leitet sich vom nubischen Wort ‚kibra‘ ab, was ‚Dschungel‘ bedeutet. Mein aktueller Reiseführer verdeutlicht das Elend des 2,5 Quadratkilometer großen Areals:

„Kibera has one pit toilet for every 100 people; the shanty town’s inhabitants suffer from an HIV/AIDS infection rate of more than 20%; and four out of every five people living here are unemployed.“

Mit anderen Worten: Es gibt nur ein öffentliches ‚Plumpsklo‘ für 100 Einwohner*innen; 20 % sind HIV-positiv und nur jede fünfte der Einwohner*innen hat einen Arbeitsplatz. 

Willkommen in Kibera

„Karibu!“ – ‚Willkommen‘ in Kibera!

Ein Müllfluss aus leeren Plastikflaschen. Die Verschmutzung durch Abfälle, Abwässer sowie menschlichen und tierischen Fäkalien ist enorm, dementsprechend hoch ist auch die damit einhergehende Krankheitsquote.

Ein Müllfluss aus leeren Plastikflaschen. Die Verschmutzung durch Abfälle und Abwässer sowie menschlichen und tierischen Fäkalien ist enorm, dementsprechend hoch ist auch die damit einhergehende Krankheitsquote.

Eine Auto- und Motorradwaschanlage. Mit dem eingesetzten Wasser muss allerdings extrem sparsam umgegangen werden, denn ein 20-Liter-Wasserbehälter kostet in Kibera ca. 5 Schilling (5 Eurocent). In der derzeitigen Trockenzeit gar 20 Schilling. Bei einer Arbeitslosenquote von 80 % und nur äußerst geringen Verdienstmöglichkeiten kein zu unterschätzender Geldbetrag.

Eine Auto- und Motorradwaschanlage. Mit dem eingesetzten Wasser muss allerdings extrem sparsam umgegangen werden, denn ein 20-Liter-Wasserbehälter kostet in Kibera ca. 5 Schilling (5 Eurocent). In der derzeitigen Trockenzeit gar 20 Schilling. Bei einer Arbeitslosenquote von 80 % und nur äußerst geringen Verdienstmöglichkeiten ist dies kein zu unterschätzender Geldbetrag.

Eine orthodoxe Kirche nebst Schule.

Eine orthodoxe Kirche nebst Schule.

Für Außenstehende kaum als solche zu erkennen: Eine öffentliche Toilette, die sich bis zu 100 Einwohner*innen teilen müssen.

Für Außenstehende kaum als solche zu erkennen: Eine öffentliche Toilette, die sich bis zu 100 Einwohner*innen teilen müssen.

Zwei Schulkinder auf dem Weg zur Grundschule.

Die Aussicht zweier Kinder auf dem Weg zur Grundschule. Für Familien ist es hier leider nicht unüblich, sich eine 9 Quadratmeter (!) Lehm- oder Wellblechhütte mit 6 Personen (!) zu teilen.

Die Vereinten Nationen haben bisher rund 500.000 US-Dollar für Kibera ausgegeben. Ob das für eine gesicherte Zukunft der Kinder reicht, bleibt für unser Dafürhalten äußerst fraglich.

Die Vereinten Nationen haben bisher rund 500.000 US-Dollar für Kibera ausgegeben. Ob der Betrag für eine menschenwürdige und gesicherte Zukunft der Kinder Sorge trägt, bleibt für mein Dafürhalten äußerst fraglich.

Besuch unseres adoptieren Babyelefanten im Nairobi-Nationalpark

Die Elefantenpopulation in Afrika geht jedes Jahr zurück – insbesondere in Tansania, Mosambik und Kenia. Der Hauptgrund liegt in der Wilderei. Um an das kostbare Elfenbein der Dickhäuter zu gelangen, werden die Tiere von Wilderern getötet und die Stoßzähne mit Sägen abgetrennt. Die zu erzielten Schwarzmarktpreise auf dem japanischen oder chinesischen Markt lassen in den strukturschwachen Regionen Afrikas jedweden Tierschutz vergessen.

„Auf dem afrikanischen Kontinent lebten im Jahr 2013 noch 470.000 Elefanten in freier Wildbahn. Im Jahr 2006 waren es noch 550.000 Tiere gewesen. Mit etwa 25.000 bis 30.000 getöteten Elefanten pro Jahr übersteigt die Todeszahl die Zahl der neu geborenen Elefanten in Afrika. (…) Wenn die Entwicklung nicht gestoppt werde, drohe der afrikanische Elefant in ein bis zwei Jahrzehnten auszusterben.“

Neben der Wilderei gilt als weiterer elementarer Grund für den Populationsrückgang der ‚Human-Wildlife Conflict‘. Durch die Ausbreitung menschlicher Siedlungen in ehemals naturbelassene Lebensräume der Elefanten ist der Konflikt zwischen Menschen und Tieren programmiert. Die Elefanten weichen zwangsweise auf Gebiete aus, die landwirtschaftlich genutzt werden. Die ansässigen Bäuerinnen und Farmer verteidigen wiederum ihre Aussaat und Ernte mit Schusswaffen.

Ein ähnliches Schicksal ereilte wohl auch unserem Elefanten-Patenkind, dem kleinen Maktao. Er wurde alleine im Juli 2017 ohne Mutter und Herde an der Grenze des Tsavo-West-Nationalparks gefunden. Völlig dehydriert wurde die schutzlose Elefantenwaise vom Rettungsteam des Sheldrick Wildlife Trust per Hubschrauber gerettet.

Zu Beginn war er unruhig und stets auf der Suche nach seiner Mutter, berichten mir seine Pfleger*innen, doch glücklicherweise wurde er wohl behütet von der Herde des Nairobi National-Parks aufgenommen. Insbesondere zwei gestandene Elefantendamen, Mbegu und Godoma, haben sich seiner angenommen. Die beiden Leihmütter kümmern sich rührend um Maktao – zumindest so lange bis er in einigen Jahren in den Tsavo East-Nationalpark ausgewildert werden kann. Die Bedingung ist indes, dass die wilden Elefanten Maktao als vollwertiges Herdenmitglied akzeptieren. Bis dahin wird dieUmweltDruckerei den kleinen Maktao weiter mit Spenden unterstützen.

Es ist eine Freude zu beobachten, wie der knapp zweijährige Maktao und andere Elefantenbabys wild und unbekümmert im Wald umhertollen.

Es ist eine wahre Freude zu beobachten, wie der knapp zweijährige Maktao und andere Elefantenbabys wild und unbekümmert im Wald umhertollen.

Mein Besuch in seinem geschützten Nachtquartier. Seinen Namen hat Maktao in Anlehnung an seinen Fundort Makatao, das an der östlichen Grenze des Tsavo-West-Nationalparks liegt.

Mein Besuch in seinem geschützten Nachtquartier. Seinen Namen hat Maktao in Anlehnung an seinen Fundort Makatao, das an der östlichen Grenze des Tsavo-West-Nationalparks liegt.

Weltfrauentag im Karen Blixen-Museum

Bevor es nach Watamu an die kenianische Küste zum eigentlichen Schildkröten-Projekt geht, darf am internationalen Weltfrauentag ein kurzer Zwischenstopp im Karen Blixen-Museum natürlich nicht fehlen. Die dänische Schriftstellerin und kenianische Kaffee-Matriarchin ist den meisten vielleicht eher aus dem Film Jenseits von Afrika (Out of Africa) bekannt.

Das Wohnhaus von Karen Blixen diente einst als Filmkulisse und heute als Museum.

Das Wohnhaus von Karen Blixen diente einst als Filmkulisse und heute als Museum.

Exkurs: Ein Versuch ‚Afrika‘ zu verstehen, mithilfe des Buches von Felwine Sarr

Mit einer wackeligen Propellermaschine lande ich etwas unsanft auf dem Flughafen von Malindi. Mein Fahrer Eliyah begrüßt mich herzlich und mit dem Jeep geht es Richtung Watamu, wo das Team der Local Ocean Conservation (LOC) bereits auf mich wartet und mich mit freundschaftlichen Umarmungen willkommen heißt.

Dass die Kenianer*innen gastfreundschaftlich sind, habe ich bereits in Nairobi festgestellt und dennoch bin ich wieder einmal positiv überrascht über die afrikanische Willkommenskultur. Eine ‚Afrikanische Willkommenskultur‘? Kann und darf bei 55 afrikanischen Ländern und bis zu 3.000 Sprachen und ebenso vieler Völker überhaupt von einer gemeinsamen Kultur gesprochen werden? Ich habe nunmehr sowohl Nord- als auch Süd- sowie West– und Ostafrika bereist und erlaube mir daher, zumindest eine gewisse Gemeinsamkeit feststellen zu dürfen. Doch halt – schon wieder möchte ein Nicht-Afrikaner wertend über ein afrikanisches Land oder gar Afrika als Ganzes schreiben? Da bediene ich mich doch wohl besser der Worte des senegalesischen Wissenschaftlers Felwine Sarr und zitiere aus seinem mehr als empfehlenswerten Buch Afrotopia:

„Der afrikanische Kontinent ist vielfältig. Von Algier bis zum Kap der Guten Hoffnung stellt er sich dar als Schmelztiegel der Kulturen und Völker; der Geschichtsverläufe und Geografien, der sozialen und politischen Organisationsformen, der Zeitlichkeiten. Doch ungeachtet dieser Vielfalt, die einen Teil des afrikanischen Raumes ausmacht, teilen die Nationen des Kontinents dasselbe Schicksal. Sie stehen vor denselben historischen Herausforderungen, haben dieselbe jüngere Geschichte, sind vor allem aber auch in dem Projekt eines Afrika geeint, das wieder über sich selbst herrschen, sein eigener Leitstern werden soll.“ (S. 27)

Felwine Sarr plädiert dafür, Afrika nicht mehr aus der Perspektive und den Maßstäben des Westens als ‚Entwicklungsland‘ zu bewerten oder gar als ‚Rohstofflager‘ oder ‚Elendsgebiet‘ zu degradieren. Er hält ein kapitalistisches Wirtschaftssystem, dass nur allzu häufig wirtschaftliche Belange über die Interessen von Mensch, Tier und Natur stellt für wenig nachahmens- oder gar erstrebenswert; zumal das westliche Entwicklungsmodell die soziokulturellen Hintergründe des afrikanischen Kontinents gar nicht oder nur unzureichend berücksichtigt (vgl. ebd. S. 123 und 152). Vereinfacht ausgedrückt: Niemand fragt die Afrikaner selbst, wie sie sich die Zukunft ihres (!) Kontinents eigentlich wünschen.

Ich könnte noch viel über das Buch und die Vorstellungen Sarrs schreiben, denn es ist ein wahrer Quell an inspirierenden Gedanken, wissenschaftlichen Erkenntnissen und spannenden Literaturempfehlungen. Einen letzten Punkt möchte ich jedoch noch hervorheben. Einer seiner Hauptkritikpunkte beim westlichen Entwicklungsmodell ist die Vernachlässigung afrikanischer Werte und Normen. Sarr schreibt von Würde, Gemeinschaftlichkeit und Gastfreundschaft sowie über Ehrgefühl und Bescheidenheit (vgl. ebd. S. 156). Was er genau damit meint, durfte ich gleich am ersten Abend in dem Lebensmittelladen von ‚Mama Lucy‘ erfahren.

Um nicht jeden Tag ins Restaurant gehen oder mich einer der zahlreichen Essensstände bedienen zu müssen, decke ich mich mit Brot, Wasser und Früchten bei Mama Lucy ein. An der Kasse fehlen mir am Ende jedoch rund 500 Schilling (etwa 5 EUR), um meine Rechnung bezahlen zu können. Eine kenianische Lady in der Schlange fragt mich, ob sie mir eventuell mit etwas Kleingeld aushelfen dürfte, was ich völlig überrascht sofort verneine. Mama Lucy sitzt seelenruhig hinter der Kasse, notiert etwas auf meiner Quittung, schaut mich kurz an und entgegnet mir: „Ok, hakuna matata, pay tomorrow.“ Zwei Kenianerinnen bieten mir, einem völlig Fremden Ausländer, den sie vermutlich nie wiedersehen, sofort vertrauensvoll ihre Hilfe an, in dem sie mir selbstlos Kredit anbieten.

Ich denke, nun habe ich die Worte Sarrs begriffen, der von afrikanischen Werten, wie Gemeinschaftlichkeit, Gastfreundschaft und Ehrgefühl schreibt. Die Frage, nach welchen Maßstäben, afrikanische Länder und deren Menschen bewertet werden sollten, sehe ich nun in einem völlig anderen Licht. Gerne würde ich den Versuch unternehmen, Mama Lucy nach Deutschland einzuladen, um sie an der Kasse von Aldi oder Edeka nach einem Kredit fragen zu lassen. Der Versuch ist vermutlich müßig, denn die Antwort kennen wir wohl alle. Nun darf jede/r noch einmal für sich selbst überlegen, inwiefern eine Gesellschaft als ‚entwickelt‘ gilt.

Viele kleine Stände säumen die Straßen Watamus. Die Kenyaner*innen nennen die Arbeitsform 'Jua Kali' (Kiswahili für: 'unter der heissen Sonne'). Ökonomen sprechen vom informellen Sektor; also wirtschaftliche Tätigkeiten, die nicht in der offiziellen Statistik erfasst werden.

Viele kleine Marktstände säumen die Wege und Straßen Watamus. Die Kenyaner*innen nennen die Arbeitsform ‚Jua Kali‘ (Kiswahili für: ‚Unter der heissen Sonne‘). Ökonomen sprechen vom informellen Sektor; also wirtschaftliche Tätigkeiten, die nicht in der offiziellen Statistik erfasst werden.

Tödliches Plastik

Endlich bin ich in dem Meeresschildkröten-Projekt angekommen, das wir unter anderem über die Aktionsgemeinschaft Artenschutz mit Spenden unterstützen. Hier möchte ich beim Schutz und bei der Rettung der Tiere mithelfen, um die Arbeit unserer Kooperationspartnerinnen besser kennenzulernen. Doch die erste Meeresschildkröte, die ich zu Gesicht bekomme, ist ein totes Jungtier. Die unerfahrene Schildkröte hat mehrere scharfkantige Plastikteile verschluckt, die ihre Magenwand verletzt hat, wodurch sie innerlich verblutet ist. Kein schöner Einstieg. Willkommen in der Welt der Arten- und Tierschützer*innen.

Plastikteile und Mikroplastik, die in den Mägen der Schildkröten gefunden wurden. Auch Geisternetze und Angelhaken bilden eine massive Gefahr für die Meerestiere.

Plastikteile und Mikroplastik, die in den Mägen der Schildkröten gefunden wurden. Auch Geisternetze und Angelhaken bilden eine massive Gefahr für die Meerestiere.

Gemäß einer Studie hat eine Meeresschildkröte statistisch bereits eine Sterbewahrscheinlichkeit von 50 %, wenn sie „nur“ 14 kleine Plastikteile verschluckt. Wenn bedacht wird, dass 2050 mehr Plastik als Fische im Meer vorhanden sein wird, dann sind das nur wenig optimistische Aussichten für das (Über-)Leben der Meerestiere. Eine wichtige Arbeit der Teammitglieder vor Ort ist daher die Reinigung des Strandes vom Plastikmüll.

Flaschen, Flip Flops, Tüten, Filterzigaretten und Verpackungen - der weiße Strand ist teils übersät vom Plastikmüll. Das Mikroplastik-Problem lässt sich mit diesen Strandsäuberungen leider nicht lösen.

Flaschen, Flip Flops, Einwegbecher, Tüten, Filterzigaretten und Verpackungen – der weiße Strand ist teils übersät vom Plastikmüll. Das Mikroplastik-Problem im Sand lässt sich mit diesen Strandsäuberungsaktionen leider nicht lösen.

Mit fünf Teammitgliedern haben wir innerhalb von nur einer knappen halben Stunde fünf volle Müllsäcke voller Plastikmüll gesammelt. Damit ist nur ca. 1/10 des betreuten Strandes oberflächlich gereinigt - zumindest bis zum nächsten Hochwasser in einigen Stunden, das neuen Müll anschwemmt.

Mit fünf Teammitgliedern haben wir innerhalb von nur einer knappen halben Stunde fünf Müllsäcke voller Plastikmüll gesammelt. Damit ist lediglich ca. 1/10 des betreuten Strandes oberflächlich gereinigt – zumindest bis zum nächsten Hochwasser in einigen Stunden, das wieder neuen Müll anschwemmen wird.

Was kann besseres aus dem gesammelten Plastikmüll gemacht werden, als daraus eine kunstvolle Meeresschildkröte zu gestalten?

Was kann besseres aus dem gesammelten Plastikmüll gemacht werden, als daraus eine kunstvolle Meeresschildkröte zu gestalten?

Auch aus den am Strand gesammelten Flip Flops lassen sich kunstvolle Türen gestalten!

Auch aus den am Strand gesammelten Flip Flops lassen sich kunstvolle Türen verwirklichen!

Nicht nur Plastik ist ein Problem - auch all der andere Müll verschmutzt unsere Meere. Aus den eingesammelten Flaschen wurden Fenster gestaltet und Blumenbeete angelegt.

Nicht nur Plastik ist ein Problem – auch all der andere Müll verschmutzt unsere Meere. Aus den eingesammelten Flaschen wurden Fenster gestaltet und Blumenbeete angelegt.

Den Plastikmüll einzusammeln oder kunstvoll ‚upzucyceln‘, ist natürlich sinnvoll – zumindest als reaktive Maßnahme; jede verantwortungsbewusste Konsument*in sollte jedoch dazu beigetragen, Plastikmüll gar nicht erst entstehen zu lassen: Kauft daher, wenn immer es möglich ist, plastikfrei ein, denn der Großteil des Meeresplastikmülls stammt vom Land und wird über die Flüsse ins Meer getragen! Wenn Ihr den Schutz der Meeresschildkröten unterstützen möchtet, könnt Ihr hier für die Arbeit der Artenschützer*innen spenden.

In Kooperation mit der Aktionsgemeinschaft Artenschutz spenden wir 2.000. Malbücher an die kenianischen Kinder. In der dort erzählten Kurzgeschichte erfahren die Kinder auch über die Folgen der Plastikverschmutzung für die Meeresschildkröten.

In Kooperation mit der Aktionsgemeinschaft Artenschutz spenden wir 2.000. Malbücher an die kenianischen Kinder. In der dort erzählten Kurzgeschichte erfahren die Kinder auch über die Folgen der Plastikverschmutzung für die Meeresschildkröten.